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Schule in Bewegung

30.01.2018 – Ein Reportage über die Holstentor-Gemeinschaftschule in Lübeck.

„Stärken“ steht in roter Schrift auf die weiße Tafel geschrieben, die an der Wand des Klassenzimmers hängt. Davor sitzen zwölf Schülerinnen und Schüler aus dem Jahrgang 7 der Holstentor-Gemeinschaftsschule vor ihren Computern.

„Es ist eigentlich immer so, dass den Kindern sofort etwas einfällt, wenn es um ihre Schwächen geht – für die Stärken müssen wir bohren“, weiß Elisabeth Reinert aus ihrer Erfahrung als Lehrerin an der Lübecker Schule. Und die ist langjährig und vielfältig. Seit 1987 unterrichtet sie an der HGS, der ältesten gebundenen Ganztagsschule in Schleswig-Holstein. „Bei Jeremy ist alles klar, oder?“ grinst sie einen blonden Schüler an. Er grinst zurück: „Na klar, ich werde Programmierer!“ Auf dem Computerbildschirm, vor dem er auf einem Drehstuhl sitzt, stehen lauter Zahlen und Zeichen, ein Programmiercode. Die Stärken-Schwächen-Analyse ist bei Jeremy erfolgreich abgeschlossen. Unterrichtet wird gerade der Wahlpflichtunterricht Berufs- und Lebensorientierung (BLO), hier geht es vor allem um die Berufsvorbereitung. Auf der weißen Tafel stehen noch die Begriffe „Technisches Verständnis, Teamarbeit, Kommunikationsfähigkeit, respektvoller Umgang mit Menschen“.

 „Das Thema Stärken und Schwächen zieht sich durch unseren kompletten Unterricht“, erklärt Schulleiter Lutz Glaeßner. Schließlich sollen Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorbereitet und in ihrer Berufswahl unterstützt werden. An der HGS passiert das direkt und nebenbei, wie zum Beispiel bei der freiwilligen Frühstücks-AG. In der Wohnung im Erdgeschoss der HGS riecht es nach Waffeln. Im Wohnzimmer der Wohnung sitzt Julian, Schüler des Jahrgangs 7, hinter einem langen Tisch, auf dem eine blaue Tischdecke liegt. „Waffeln 30 Cent“, „Milchreis 20 Cent“, „Kakao 20 Cent“ steht auf bunten Schildern auf dem Tisch. „Heute haben wir noch nicht so viel verkauft“, erzählt Julian, der hier heute der Verkäufer ist. Aber das sei nicht schlimm, zur Not könnten die Waffeln ja auch selbst gegessen werden.

Inklusion als Entwicklungsvorhaben

Neben Julian am Tisch steht Renate Schöning, die Leitung des WPU 7 Verbraucherbildung. „Heute ist alles schief gegangen“, sagt sie. Viele der benötigten Zutaten fehlten, also mussten die Rezepte variiert werden. „Schmeckt aber alles sehr gut“, bestätigt Julian.  Die Wohnung ist eine der vielen Besonderheiten an dieser Schule. Drei Räume plus Küche, in der die Schülerinnen und Schüler sich aufhalten können, ohne in einem Klassenraum zu sein. „Die Einrichtung ist noch nicht so wie wir sie uns wünschen würden, mit Sofas und gemütlicher“, gibt Schulleiter Glaeßner zu. „Aber da sind wir dran, diese Schule ist in Bewegung und Entwicklung“, das stellt der Schulleiter immer wieder an Beispielen dar. Innerhalb des Programms „LiGa – Lernen im Ganztag“ setzt die Holstentor-Gemeinschaftsschule ihr eigenes Entwicklungsvorhaben um. Die HGS entschied sich für das Thema Inklusion.

„Das war für uns hier an der Schule schon immer wichtig“, weiß Reinert aus ihrer HGS-Erfahrung. Die Gemeinschaftsschule entschied sich für das Thema, vor dem so viele andere Schulen zurückschrecken. „Das ist einfach unsere Haltung“, sagt Glaeßner und fügt hinzu: „Wir wollen Inklusion“. Der Schulleiter erklärt als Ziel, ganzheitlich auf die Schülerinnen und Schüler zu schauen. Mit allem, was sie mit in die Schule bringen.

Unterschiedliche Förderbedarfe bei den Schülerinnen und Schülern

Im Dezember 2016 wurde die HGS Deutsch als Zweitsprache (DaZ)-Zentrum. Die Hälfte der Schüler und Schülerinnen haben einen Migrationshintergrund, die sozialen Herkünfte sind divers, es gibt eine wachsende Zahl von Schülerinnen und Schülern mit Förderschwerpunkten. Oder, wie Reinert die Haltung des Kollegiums beschreibt: „Als ein Schüler im Rollstuhl auf diese Schule gehen wollte, haben wir halt einen Aufzug gebaut.“ Die Schule ist seitdem baulich barrierefrei und bemüht sich, dies in jeder Hinsicht zu sein.

Im zweiten Stock lernt gerade eine neunte Klasse Weltkunde an unterschiedlich hohen Tischen. Große Kinder an hohen Tischen, kleine Kinder an niedrigen Tischen. Manchmal sitzen die Kinder auch gar nicht, sondern liegen – in der Mittagspause auf Sitzsäcken in der Lernwerkstatt oder in Sitzecken, die in den Fluren in die Wände eingelassen sind. Gerade liegt hier Mathis und bearbeitet seine Mathe-Aufgaben. Im Klassenraum wurde er zu unruhig, erzählt seine Lehrerin.

Nebenan wird in der DaZ-Klasse der Infinitiv geübt. Kinder, die teilweise erst seit einigen Wochen auf die HGS gehen, aus unterschiedlichen Herkunftsländern kommen und unterschiedliche Erstsprachen sprechen, lernen hier gemeinsam. „Ich lache nicht so gerne, ich zähle lieber“ erklärt der 8-jährige Ahmad die Bildkarten. Maren Mohr hält diese Karten in die Luft, zwei Karten für jedes Kind. Wer die Karten richtig beschreibt und den Infinitiv korrekt bildet, darf sie behalten. Wer am Ende die meisten Karten hat, bekommt einen Schokoriegel. Spielerisches Lernen. Individuelles Lernen, denn die Gruppe hier ist klein. Acht Schülerinnen und Schüler lernen hier gemeinsam, ab und zu gehen sie auch in die anderen Klassen, denn das langfristige Ziel ist, dass sie mit den anderen Kindern gemeinsam lernen. „Eine Schule für alle“, beschreibt Reinert die Vision.

Vielfältige Möglichkeiten des Ganztags nutzen

Eine der anderen Klassen ist die 9D. „Man kann es gar nicht glauben, wie wir uns entwickelt haben“, schwärmt Ole aus der 9D. „Ja, echt“, pflichtet ihm seine Klassenkameradin Sarah-Michelle bei. „Irgendwie sind wir echt erwachsener geworden.“ Was genau sie damit meinen, erklären sie im Gespräch. „Wir sind heute viel mehr in der Lage, Kompromisse zu finden.“ Das war wohl nicht immer so, geben sie zu. „Aber jetzt sind wir ne echt gute Klasse“, da sind sie sich einig. „Ich bin morgens immer schon um sieben Uhr hier“, sagt Christian. „Daran sieht man doch schon, dass ich mich hier wohl fühle.“ Das Konzept der Ganztagsschule geht hier auf. „Wir erleben die Kinder hier in den unterschiedlichsten Settings“, sagt Glaeßner. Nicht nur vormittags im Unterricht, sondern auch nachmittags in den Angeboten. So erlebt eine Lehrerin ihren Schüler nicht nur beim Mathe lernen, sondern auch dabei, wie er andere in der Lernzeit unterstützt oder charmant Waffeln verkauft.

Die Potenziale des Ganztags besser nutzen und entfalten – für diesen Prozess erhält die Schule Unterstützung durch das Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“. Doch auch externe Expertinnen und Experten, die in die Schule geholt werden, unterstützen die Weiterentwicklung des Ganztags an der HGS. So wie Jannis Petalas, der gerade eine Gruppe Schülerinnen in der Turnhalle in Selbstverteidigung unterrichtet. „Self Defense“ nennt der 20-Jährige sein Nachmittagsangebot und erklärt den Schülerinnen, wie sie sich selbst verteidigen können. „Mir geht es hier vor allem um Koordination und Bewegung und es macht mir viel Spaß, mit den Jugendlichen zu arbeiten“, sagt der Kampfkunst-Trainer.

Der Austausch ist wichtig

„Bewegung ist das Stichwort für uns hier in der Schule“, sagt Glaeßner. „Wir sind nicht nur mit unseren sportlichen Angeboten in Bewegung, sondern versuchen es auch im Kopf zu bleiben.“ Dabei ist Austausch wichtig – mit den Elternvertreterinnen und Elternvertretern, mit der Schulsozialarbeiterin, mit einem Coach für berufliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler und auch mit anderen Schulen. Wie setzen diese ihre Entwicklungsvorhaben um? Mit welchen Herausforderungen kämpfen sie? Welche Lösungen haben sie? Glaeßner und Reinert stehen in engem Kontakt mit anderen Ganztagsschulen. Die Vernetzung ist ein wichtiger Punkt im LiGa-Programm, das noch bis Ende 2019 läuft.

Wie sieht der Schulalltag dann aus? Die Ganztagskoordinatorin Reinert wird dann zwar schon in Rente sein, hat für ihre Schule aber dennoch eine ganz klare Vision. „Im Dezember 2019 wird es den Konferenzbeschluss für inklusives Arbeiten geben, alle Menschen an dieser Schule haben eine inklusive Haltung und arbeiten danach, Individualität wird als Wert erkannt.“ Glaeßner schließt sich an: „Soziale Teilhabe für alle, das wollen wir hier und dafür arbeiten wir hier.“ Vielleicht sogar bald mit noch mehr Schülerinnen. Ein Teil der HGS steht zurzeit leer und die Stadt Lübeck sucht nach Räumen für eine Oberstufe. Glaeßner kann sich für seine Schule auch diesen Schritt vorstellen: „Wir bleiben in Bewegung.“


Von Mareice Kaiser



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