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Schulentwicklung in 3 Tagen

12.09.2019 – Ausnahmezustand an der Ganztagssekundarschule „Freiherr Spiegel“ in Halberstadt: Hier fand das LiGa- Schulentwicklungscamp #EnterSchool statt.

Drei Tage Ausnahmezustand an der Ganztagssekundarschule „Freiherr Spiegel“ in Halberstadt: Vom 5. bis zum 7. September fand hier im Rahmen von LiGa das Schulentwicklungscamp #EnterSchool statt. Knapp 400 Teilnehmende aus ganz Sachsen-Anhalt – darunter auch Landtagsabgeordnete aus allen Fraktionen – diskutierten Lösungsansätze und bauten Prototypen für zeitgemäße Schulbildung.

Sonderfahrt mit dem Schulbus

Donnerstag, 5. September. Ein Schulbus startet um 06:30 Uhr in Magdeburg am Landtag. „SONDERFAHRT ENTER SCHOOL“ steht vorne dran. Im Bus sitzen unter anderem Schülerinnen und Schüler aus mehreren LiGa-Schulen, die GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth und der Landtagsabgeordnete Thomas Lippmann. Die Fahrt zur Schule dauert eine Stunde – „und das ist für viele Schülerinnen und Schüler in Sachsen-Anhalt jeden Tag so“, erklärt Jessica Günther, Lehrerin am Editha-Gymnasium in Magdeburg.

Digitale Wunschbox

Im Bus sitzt auch Dario König. Er ist einer der Schüler und Schülerinnen, die das Camp initiiert haben. „Für uns Jugendliche ist die Schule wie ein zweites Zuhause, das zurzeit immer mehr auseinanderfällt“, sagt er. „Deshalb wollen wir Schülerinnen und Schüler zusammen mit allen Schulakteuren hier vor Ort konkrete Lösungen erarbeiten, die anwendbar und zukunftsorientiert sind." Die Themen der Workshops wurden vorab über eine digitale Wunschbox ermittelt. Es geht zum Beispiel um flexibel nutzbare Lernräume, praxisnahes und digital-vernetztes Lernen, Schülerbeförderung und Hausaufgaben.

Bildungsminister vor Ort

Nach der Ankunft in Halberstadt sitzen Dario und die anderen angereisten Jugendlichen in einer Gesprächsrunde mit Bildungsminister Marco Tullner. Er spricht mit den Jugendlichen über aktuelle Herausforderungen an Schulen und über die Zukunft. „Schule wird und muss sich verändern. Dafür brauchen wir viel Offenheit und Veranstaltungen wie dieses Camp. Ich wünsche euch viel Erfolg und möglichst viele, auch verrückte Ideen“, sagt der Bildungsminister. Er sei schon gespannt auf die Ergebnisse.

Trommeln und Themen

Im Plenum trommeln Jugendliche zur Einstimmung den Rhythmus und das Motto für das dreitägige Camp: We will rock you! Neben den Themen, die bereits über die Wunschbox ermittelt wurden, können die Schülerinnen und Schüler auch noch spontan Themen einbringen. Lenny findet das Thema „Schulspeisung“ wichtig, denn es nervt ihn, dass er mittags so lange für das Essen anstehen muss und kaum Zeit zum Essen hat. Alle Teilnehmenden suchen sich eine AG, in der sie mitarbeiten möchten.

Viel Expertise und Unterstützung

Das Besondere am Schulentwicklungscamp ist, dass hier nicht nur Schülerinnen und Schüler von elf Schulen aus ganz Sachsen-Anhalt zusammenkommen. Auch Schulleitungen, Schulträger, Unternehmen sowie Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Universitäten und Bildungsverwaltung machen mit. Landtagsabgeordnete aus allen Fraktionen sind vor Ort – ebenso wie IT-Experten, von denen manche sogar aus Finnland angereist sind. So stehen den Jugendlichen viele Beraterinnen und Berater mit Fachwissen zur Seite – und aus Ideen können Prototypen und andere konkrete Ergebnisse entstehen.

Neues Schulnetz und Raspberry Pi

Eine AG befasst sich mit dem Schulnetz. IT-Experten aus dem LiGa-Fachnetzwerk „Lernen mit Computer und Internet“ hatten bereits vorab für das Camp ein Open Source-WLAN installiert. Mit Unterstützung von IT-Experten schrauben die Schülerinnen und Schüler nun Access Points an die Wände und führen Kabel durch Kabelschächte. Andere schrauben alte Computer auf und installieren Puavo als Open Source-Umgebung mit integrierter Geräte-, WLAN- und Nutzerverwaltung. Auch der Mini-Computer Raspberry Pi wird von den Jugendlichen zusammengebaut und mit Software bespielt. Diese 15 leistungsstarken Einplatinencomputer mit Tastaturen, Mäusen und Monitoren sollen sowohl im Unterricht als auch im Ganztag eingesetzt werden. Zwei Schüler möchten als Peer-Scouts ihren Mitschülerinnen und -schülern zeigen, wie man damit arbeitet. Lehrkräfte erhalten außerdem Fortbildungen.

Der Landkreis Harz spendierte der Schule zudem 40 Miniplatinen Calliope, mit denen visuelle Programmierung möglich ist. Als das Schulnetz steht, baut die AG mit dem Calliope 40 Discokugeln für die Camp-Party. Auch eine Wetterstation, ein Kompass und vieles mehr lassen sich mit dem Minicomputer programmieren.

Künftig soll donnerstags ein AG-Angebot zu diesem Thema stattfinden, das die Leiterin der Schul-IT des Landkreises Harz begleitet. Insgesamt wird deutlich: Wenn es um die Digitalisierung von Schulen geht, sind Open Source-Modelle ein kostengünstiger und nachhaltiger Weg.

Betonmöbel für den Schulhof

„Wenn wir Lösungen für die wichtigsten Qualitätsfragen für eine Schule in drei Tagen finden, können wir vielleicht funktionierende Lösungen für ganz Sachsen-Anhalt in drei Jahren finden“, sagt Angela Papenburg von der GP Günter Papenburg AG, die das Camp unterstützt. Sie ist in der Arbeitsgruppe „Schule als Lebensraum gestalten“ – und fährt mit den Jugendlichen kurzerhand in ein Betonwerk. Hier werden die Ideen der Schülerinnen und Schüler in Form gegossen und es entstehen neue Betonmöbel für den Schulhof.

Raumakustische Optimierung

Das Camp ist ein Reallabor – ein Ort, an dem neue Sachen ausprobiert und auch für andere sichtbar gemacht werden. Ein Beispiel dafür ist die raumakustische Optimierung in einem Klassenzimmer. Die Firma, die diesen Raum mit speziellen Rollen an der Decke ausgestattet hat, lässt die Optimierung hören, vermittelt das Wissen, coacht Schülerinnen und Schüler – und lässt die Rollen am Ende in der Schule.

Weitere Ergebnisse im Überblick

Die Ergebnisse des Camps sind unglaublich vielfältig und werden nun nach und nach aufbereitet. Hier eine Auswahl:

  • Die AG „Lernen an echten Aufgaben“ hat einen Flexi-Lehrplan entwickelt, der probeweise getestet werden soll. Auch ein Konflikttraining oder freies Sprechen sollen Platz auf dem Stundenplan finden. Es geht um fächerübergreifendes Lernen und die Einbindung neuer Partner, z. B. Handwerker, Schauspieler oder Manager.
  • Die AG „Schülerbeförderung für Ausgeschlafene“ hat ebenfalls einen konkreten Vorschlag nach einem Beispiel des Berliner Senats für kostenfreie Schülerbeförderung erarbeitet, der an die entsprechenden Gremien gehen wird, z. B. an das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr.
  • Die AG „FOOD“ hat ein Konzept für nachhaltige und leckere Schulspeisung in Buffet-Form erarbeitet, das sie dem Catering-Unternehmen vorstellen wird. Außerdem haben die Jugendlichen kalkuliert, wie teuer ein kostenloses Mittagessen für alle Schülerinnen und Schüler im Land wäre.
  • Entstanden ist an der Schule auch ein neues Lernareal, das die Schülerinnen und Schüler selbst geplant und gestaltet haben. „Es ist so toll – das lassen wir genau so wie es ist“, sagt Schulleiterin Andrea Fellbaum. Die Genehmigung für den Durchbruch einer Wand konnte direkt vom Landrat eingeholt werden. Diese Lernlandschaft soll sowohl für den Unterricht und individuelle Lernzeiten als auch für den Freizeitbereich genutzt werden.
  • Die AG „Schule ohne Hausaufgaben“ hat einen Änderungsvorschlag zum Hausaufgabenerlass erarbeitet.
  • Eine Schülerakademie mit Schülerinnen und Schülern der beteiligten elf Schulen soll gegründet werden, die künftig eine Schnittstelle zwischen Schülerinnen, Schülern und Landtagsabgeordneten bildet. Ziel ist es, dass die Jugendlichen Qualifizierungen erhalten und ihre Anliegen aus der Schulpraxis in die Bildungspolitik einbringen.

Fazit

„Ich wünschte, Schülerinnen und Schüler würden viel öfter die Schulentwicklung in die Hand nehmen. Sie erleben täglich, ob ihre Schule gut funktioniert oder nicht. Wir Erwachsenen geben Geld aus und machen Vorgaben für Verbesserungen, finden aber zu selten Wege, Kindern und Jugendlichen zuzuhören und zuzusehen. Das Camp im Rahmen unseres Programms ‚LiGa – Lernen im Ganztag‘ hat gezeigt, wie es geht“, sagt Dr. Petra Strähle, Projektmanagerin von der Stiftung Mercator.

Dass sich die Schule der Zukunft schon heute gestalten lässt, wurde im Schulentwicklungscamp deutlich. Besonders wichtig sind …

  • die Initiative und Beteiligung der Schülerinnen und Schüler,
  • die Vernetzung zahlreicher Bildungsakteure und
  • kreative Ideen, für die es häufig auch kostengünstige Umsetzungsmöglichkeiten gibt.

Die Jugendlichen waren am Ende sichtlich erstaunt, was sie in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben. Und die Landtagsabgeordneten waren dankbar für viele Einblicke in die aktuellen Herausforderungen der Schulen, spannende Diskussionen und Lösungsvorschläge. Sie nehmen konkrete Verabredungen mit. Für alle Beteiligten ist klar: Das Thema Schulentwicklung ist nach drei Tagen nicht vorbei. Jetzt geht es erst richtig los!


Das Schulentwicklungscamp #EnterSchool war eine Veranstaltung im Rahmen von „LiGa – Lernen im Ganztag“, einer Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator, die gemeinsam mit dem Land Sachsen-Anhalt entwickelt und umgesetzt wird. Das Camp fand in Kooperation mit dem Schulleitungsverband Sachsen-Anhalt e.V. und mit Unterstützung der GP Günter Papenburg AG statt.

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