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Schulräume planen und (um-)gestalten

13.12.2018 - Am 14. November fand die erste Werkstatt von LiGa Berlin zum Thema „Räume im Ganztag partizipativ gestalten“ statt.

Individualisiertes Lernen in beengten Klassenräumen? Moderne pädagogische Konzepte in alten Schulgebäuden? Für viele pädagogische Fachkräfte und Schulleitungen ist das Alltag. Aber auch eine Schule neu zu bauen und zu gestalten, ist gar nicht so einfach.

Am 14. November 2018 veranstaltete LiGa Berlin die erste Werkstatt zum Thema „Räume im Ganztag partizipativ gestalten“. Neben Schulleitungen waren auch Lehrkräfte sowie Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter nach Neukölln gekommen. In der Werkstatt der Kulturen besprachen, berieten und diskutierten sie gemeinsam: Wie können Räume so gestaltet werden, dass sie den Bedürfnissen aller Akteure gerecht werden?

Neue Konzepte in alten Gebäuden

Berlin wächst und mit der Stadt auch die Anzahl der Schülerinnen und Schüler. „60 neue Schulen sollen in der Hauptstadt gebaut werden. Das ist eine gute Chance, um pädagogische Raum- und Lernkonzepte noch mal zu betonen“, sagt Nicola Andresen, Regionale Programmkoordination von LiGa Berlin, zur Begrüßung.

Ganztagsschulen stellen mit ihren Nachmittags- und Freizeitangeboten andere Anforderungen an Gebäude, Außengelände und Räume als Halbtagsschulen. Doch auch diese unterrichten heute ganz anders als noch vor ein paar Jahren: Moderne pädagogische Konzepte wie individualisiertes Lernen benötigen flexible Lernsettings, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, ihr eigenes Lernverhalten umzusetzen.

Räume für individualisiertes Lernen

„Individualisiertes Lernen wird durch die Räumlichkeiten unterstützt“, sagt Dr. Jörg Kayser, Schulleiter des Humboldt-Gymnasiums in Berlin-Reinickendorf. Kinder haben ganz unterschiedliche Ansätze und Wege, um Lernaufgaben zu lösen. Während einer gern für sich allein nachdenkt, berät sich der andere lieber mit seiner Nachbarin, liest im Buch nach oder sucht nach Informationen im Internet.

In herkömmlichen Klassenzimmern ist dies, wie Dr. Kayser anschaulich beschreibt, eigentlich nicht möglich: Die Akustik ist zu schlecht, der Platz reicht nicht aus, die Tischordnung ist zu starr, die Schülerinnen und Schüler haben keine Möglichkeit, um sich zurückzuziehen.

Schulen stehen heute also immer wieder vor der Herausforderung, ihre Gebäude den modernen schulischen Anforderungen anzupassen.

Wie Partizipation gelingt

Die LiGa-Werkstatt startete deshalb mit zwei kurzen Vorträgen zu genau diesen Themen: Schulneubau und Umgestaltung vorhandener Gebäude.

Prof. Dr. Jan R. Krause, Professor für Architektur und Media Management an der Hochschule Bochum, stellte am Beispiel eines konkreten Schulneubaus zehn Thesen für einen gelingenden Partizipationsprozess auf. Diese reichen von der Beteiligung der richtigen Akteure, Mut und Vertrauen bis hin zu klaren Spielregeln. Denn ganz wichtig ist in so einem Prozess, dass die Expertise des anderen nicht infrage gestellt wird. Auch nicht die des Hausmeisters.

Beim zweiten Input vertrat Krause seine Kollegin Astrid Bornheim vom office for architectural thinking und stellte deren Projekt „Das fliegende Klassenzimmer“ vor. Hier hatten die Architekten die Umgestaltung eines Klassenzimmers in den Unterricht integriert. Gemeinsam mit den Kindern hatten sie Konzepte zu Raum, Form und Farben entworfen und den Prozess filmisch festgehalten.

Diese Filmschnipsel gaben den Teilnehmenden der LiGa-Werkstatt einen schönen Einblick in die Wünsche der Schülerinnen und Schüler – und sorgten für viel Freude.

Räume planen mit dem Schul-Visionenspiel

Nach dem Einstieg entschieden sich die Teilnehmenden für einen von zwei Workshops, um an ihren konkreten Fragen weiterzuarbeiten.

In dem Workshop „Raumgestaltung im Ganztag – Einführung in das Schul-Visionenspiel“ stellten Milena Monssen und Marie Thelen von den Baupiloten das von ihnen entwickelte Planspiel vor.
Wie gehe ich als Schule vor, wenn ich einen Neubau plane? Wie kann ich das Gebäude so gestalten, dass es den Bedarfen aller gerecht wird und die Philosophie der Schule widerspiegelt?

Brauchen wir wirklich eine Wiese im Schulgarten? Wie wahrscheinlich im echten Leben auch, entspann sich im Workshop eine heftige Diskussion um diese Frage. Denn selbstverständlich probierten die Teilnehmenden das Planspiel sofort aktiv aus.

Jeder übernahm eine Rolle: Von der Schulleitung über die Sozialarbeiterin bis hin zum Hausmeister, den Eltern und Schülervertretern sind bei dem Spiel alle mit dabei. In 17 Phasen machen sich die Spielenden auf den Weg, das ideale Schulgebäude zu entwerfen. Dabei wird – angeleitet von den Frage- und Antwortkärtchen des Spiels – Vorhandenes immer wieder überdacht und infrage gestellt.

„Das Spiel hat mir noch mal gezeigt, wie wichtig es ist, auch die Eltern und Schülerinnen und Schüler in den Planungsprozess miteinzubeziehen“, sagt Anke Harder von der Carl-Bosch-Schule und hat sich vorgenommen, für den Neubau ihrer Schule auf jeden Fall noch einen Partizipationsprozess zu initiieren. Am Besten mit Unterstützung von außen.

Weitere Infos zu den Baupiloten und dem Planspiel finden Sie hier.

Vorhandene Räume besser nutzen

In dem zweiten Workshop „Gemeinsame Gestaltung – Planen, Bauen und Nutzen von Räumen im Ganztag“ ging es darum, vorhandene Räumlichkeiten zu verbessern, ungenutzte Flächen miteinzubeziehen und aus Schulgebäuden individuelle Lern- und Lebensorte zu machen.

Undichte Dächer und zu kleine Klassenräume, schlechte Akustik oder nicht vorhandene Freizeiträume – Susanne Wagner und Anna Mayberry vom Bauereignis Sütterlin Wagner fragten zu Beginn erst mal die alltäglichen Situationen der Teilnehmenden ab und stießen dabei auf Resignation, aber auch viel Pragmatismus.

„Wir würden ja gerne den Flur mitnutzen“, erzählten einige der Teilnehmenden, dürfen ihn aber wegen der Brandschutzregeln nicht möblieren. Dementsprechend war das Interesse an dem sogenannten Flurführerschein, den schon Prof. Dr. Jan R. Krause erwähnt hatte, groß: Kinder, die leise und selbstständig arbeiten und auf dem Boden liegend schreiben können, dürfen mit diesem Ausweis individuelle Lernaufgaben im Flur erledigen.

Die beiden Architektinnen zeigten den Schulleitungen und Schulsozialarbeitern im Gespräch konkrete Möglichkeiten auf, ihre Schulen und Klassenzimmer umzugestalten. Dazu gingen sie auf die einzelnen Probleme der Teilnehmenden ein und zeigten ihnen Bilder und Filme von Projekten, die sie schon gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern umgesetzt haben.

So sorgen zum Beispiel modulare Möbel – wie Hocker, Würfel oder Bänke – nicht nur für körperliche Abwechslung im Klassenzimmer. Sie lassen sich auch leicht selbst bauen und helfen, starre Sitzordnungen zu unterbrechen und flexible Situationen zu schaffen, um individualisiertes Lernen und das Arbeiten in Gruppen unterstützen.

Nur für die Akustik gibt es keine einfachen Lösungen, stellte Susanne Wagner klar. Sie empfahl den Teilnehmenden ganz klar, eine professionelle Akustikdecke einbauen zu lassen, da alles andere kein befriedigendes Ergebnis erzielt. Der Umbau kostet zwar zwischen 3.000 und 4.000 Euro pro Klassenzimmer – hält aber auch für 30 Jahre.

Konkrete Beispiele geben Mut

„Ich finde es gut, dass LiGa nun in der zweiten Halbzeit auch auf das Thema Räumlichkeiten eingeht“, sagt Dr. Sebastian Andrees, stellvertretender Schulleiter des Friedrich-Engels-Gymnasiums.

Die Werkstatt hat Mut gemacht – bedankten sich die Teilnehmenden dann auch in der Feedbackrunde. „All die konkreten Beispiele haben gezeigt, dass eine Umgestaltung vorhandener Räume möglich ist und auch kleine Dinge schon etwas bewirken können,“ freut sich Anke Harder.

In diesem Sinne rät auch Susanne Wagner den Schulen: Ein regelmäßiger Aufräumtag mit allen Akteuren kann schon ganz viel verändern.


k