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Volle Qualität voraus

14.05.2018 – Ein ungewöhnlicher Ort, rund 50 Teilnehmende, ein Fachtag.

Fachtage für Lehrkräfte? Gibt es ganz oft. Fachtage für Schulleitungen? Kennt man. Ein länderübergreifender Fachtag für Schulaufsicht? Noch nie gehört! Dementsprechend ungewöhnlich war auch der Veranstaltungsort des ersten LiGa-Schulaufsichtsfachtags am 4. Mai in Berlin: Rund 50 Mitarbeitende der Schulaufsicht kamen auf einem Schiff zusammen und konnten sich intensiv zu Themen der Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen austauschen. 

Auf zu neuen Ufern: Campus Rütli

Strahlender Sonnenschein und ein blauer Himmel erwarteten die Teilnehmenden beim Boarding. Viele von ihnen hatten sich schon am Tag zuvor kennengelernt – beim informellen Vorabendprogramm auf dem Campus Rütli in Berlin-Neukölln. Hier erhielten sie von Cordula Heckmann, Schul- und Campusleitung, eine Führung und einen Input zum Change-Prozess auf dem Rütli-Campus, der nach dem bundesweit diskutierten Brandbrief im Jahr 2006 einen Turnaround geschafft und sich bei Familien und Pädagogen zur nachgefragten Schule entwickelt hat. Nach einer Campusführung und Austausch in Kleingruppen kamen die Teilnehmenden aus den fünf LiGa-Ländern beim Abendessen ins Gespräch.

Ins Gespräch kommen, neue Impulse erhalten, Erfahrungen und Ideen austauschen – darum ging es auch beim Fachtag. Welche Strategien und Instrumente für die Qualitätsentwicklung gibt es in den Ländern? Wie werden diese genutzt? Und wie gelingt der schwierige Balanceakt zwischen alten und neuen Aufgaben – zwischen kontrollierender und beratender Funktion?

Schwankender Boden für Schulaufsicht

„Staatliche Schulaufsicht hat einen schwankenden Boden, nämlich die mehr oder weniger berechenbaren Schulen. Insofern findet die Tagung am richtigen Ort statt“, sagte Prof. em. Dr. Jürgen Oelkers zu Beginn seines Vortrags. In seiner Keynote zum Thema „Strategien von Schulaufsicht zur Qualitätsentwicklung von Ganztagsschule“ zeigte er auf, dass auf internationaler Ebene ähnliche Entwicklungen zu beobachten sind wie in Deutschland: Mehr Eigenverantwortung für Schulen, weniger Kontrolle durch die Schulaufsicht, neue Systeme der Rückmeldung. 

„Schaffen Sie es, die Schulen zu unterstützen, in dem was Sie tun?“, fragte Oelkers die Teilnehmenden. Wichtig seien Sprache und Fokussierung. „Wie macht man Berichte der Schulinspektion lesbar? Wie kann man sich am Ende auf zwei bis drei Empfehlungen konzentrieren?“ Nur wenn die Schule wenige, schulgenaue Empfehlungen erhalte, könne sie etwas damit anfangen. Und sie braucht auch Ressourcen, um Änderungen überhaupt umsetzen zu können. Diese Erfahrungen hat die Fachstelle für Schulbeurteilung im Kanton Zürich gemacht. Ein weiterer wichtiger Punkt sei, die Schule selbst als Expertenorganisation anzusehen. „Schulen wollen den Außenblick, aber sie wollen nicht belehrt werden.“

Den gesamten Vortrag von Prof. Oelkers finden Sie hier.

Wortwechsel statt Kurswechsel: Wie kommt das Glück an unsere Schulen?

„Wenn wir über Qualität reden, muss auch das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen im Zentrum stehen“, sagte Maren Wichmann von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung zu Beginn der Veranstaltung. Ganz in diesem Sinne folgte ein Wortwechsel zum Thema „Wohlbefinden und Schulerfolg: Wie kommt das Glück an unsere Schulen?“, bei dem zwei Experten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Matthias Rumpf vom OECD Berlin Centre präsentierte Ergebnisse einer Sonderauswertung der PISA-Studie 2015. Daraus leitete er folgende Thesen ab:

  • Gute Leistungen und hohe Lebenszufriedenheit sind möglich.
  • Wer in der Schule glaubt dazuzugehören, der ist in der Regel auch glücklicher.
  • Schlechtes Schulklima befördert Mobbing, Mobbing befördert unglücklichere Kinder.
  • Sport macht glücklich, solange man es nicht übertreibt.
  • Kinder sind glücklicher, wenn Eltern sich für ihre Schulerlebnisse interessieren.

Dr. Ernst Fritz-Schubert ist Begründer des Schulfachs „Glück“. Damit sollen Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung in der Schule gefördert werden. Es geht nicht nur um Wohlbefinden, sondern auch um den Umgang mit negativen Gefühlen und Widersprüchen. Mit einem interdisziplinären Team hat Fritz-Schubert ein Kerncurriculum entwickelt, das Kinder und Jugendliche zu wirksamen Gestaltern ihres eigenen Lebens machen soll. 

Mit dem Publikum wurde anschließend unter anderem diskutiert, ob es für das Wohlbefinden einen besonderen Raum braucht – also ein Schulfach namens Glück. Auch in anderen Fächern und Ganztagsangeboten können Glück und Persönlichkeitsentwicklung ihren Platz haben. Eine Schulaufsicht aus Berlin berichtete, dass sie zwei ihrer Schulen in sozialen Brennpunkten ermutigt habe, das Schulfach Glück einzuführen und an diesem Pilotprojekt teilzunehmen, „damit auch hier die Schülerinnen und Schüler sich mit ihren Zielen für ihr Leben auseinandersetzen und daraus das Bedürfnis entwickeln, einen Abschluss zu machen“. Bisherige Evaluationen zeigen, dass dies ein erfolgreicher Ansatz sein könnte.

Frische Brise: Fachlicher Austausch in vier Salons

Nach dem Wortwechsel hieß es dann „Leinen los!“. Das Schiff legte ab und es folgten zwei Arbeitsphasen mit je zwei parallel stattfindenden Salons. Nach kurzen Impulsen konnten sich die Teilnehmenden in länderübergreifenden Kleingruppen austauschen.

Im Salon „Eigenverantwortliche Schule – Implikationen für die Schulaufsicht“ brachte die Schulberaterin Karin Bausen aus Hessen ihre Quintessenz aus 35-jähriger Berufserfahrung auf den Punkt: „Schulen sind eigensinnige Systeme, die man nur steuern kann, wenn man ihnen Autonomie gibt.“ Carola Hübner vom Landesschulamt Sachsen-Anhalt warf die Frage in den Raum, was ‚beraten‘ überhaupt bedeute. „Ich bin erst dann beratend, wenn man von mir Beratung braucht“, sagte sie. Susanna Siegert aus Hamburg schilderte ihre Sicht als Schulleiterin: „Authentische Beratung muss ergebnisoffen sein, aber das geht nicht, wenn Schulaufsicht gleichzeitig auch kontrolliert.“

Alle Mitarbeitenden der Schulaufsicht stehen vor einer Vielzahl an Rollen und vor der Herausforderung, diesen gerecht zu werden – das wurde an diesem Tag sehr deutlich. „Wir freuen uns umso mehr, dass Sie sich hierfür die Zeit nehmen“, sagte Dr. Petra Strähle von der Stiftung Mercator. „Als wir vor einigen Jahren dieses Schulentwicklungsprogramm gestartet haben, war klar, dass wir Sie als wichtige Akteure für die Schulqualität ansprechen wollen.“

Und was konnten die Teilnehmenden nach diesem ersten Schulaufsichtsfachtag mit in ihre Heimathäfen nehmen? Diese vier Erkenntnisse tauchten in den Diskussionen immer wieder auf: 

  • Ein wertschätzendes Miteinander ist die wichtigste Grundlage, damit Qualitätsentwicklung gemeinsam gelingen kann. 
  • Die Ziele für Schulentwicklung müssen die Ziele der Schule sein. Qualität entsteht vor Ort. 
  • Schulentwicklung braucht Verlässlichkeit, Kontinuität – und Zeit.
  • „Das Know-how steckt nicht in den Gesetzen, sondern in Ihren Köpfen.“ (Prof. Oelkers)


Programm des LiGa-Schulaufsichtsfachtags als PDF herunterladen


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