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Hessen

Fokus auf sich selbst und die Aufgabe

Seit zweieinhalb Jahren bekommen Schülerinnen und Schüler der Marie-Durand-Schule im Ganztagssprofil II in Bad Karlshafen in Hessen keine Hausaufgaben mehr auf, sondern erledigen ihre Aufgaben eigenverantwortlich in der „Lernzeit“. Das Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ hat diesen Entwicklungsprozess unterstützt.

Kinder haben unterschiedliche Stärken und ein unterschiedliches Lerntempo. Das kann man an Marcel, Tizian und Leo gut beobachten. Alle drei besuchen die Klasse 7b der Marie-Durand-Schule in Bad Karlshafen. Eben noch saßen sie im gemeinsamen Unterricht – in der Lernzeit arbeitet jeder für sich. Marcel löst Matheaufgaben, Tizian macht Englisch und Leo widmet sich der Gesellschaftslehre. Wenn die Lehrkraft wissen möchte, wo ihre Schülerinnen und Schüler gerade stehen, muss sie nur einen Blick in deren Lernzeitplaner werfen. Das ist eine Art Terminkalender, in den die Kinder ihre verschiedenen Aufgaben mit Abgabedatum eintragen.

Die Matheaufgabe sollte eigentlich bis heute erledigt werden, doch wie vermerkt darf Marcel sie bis morgen nachreichen. „Ich hab sie noch nicht verstanden“, erklärt er. Eigentlich würde er jetzt gern Englisch machen, das fällt ihm leichter, „aber das kann ich auch morgen früh noch machen, da haben wir vor Englisch nochmal Lernzeit“. Leo hat seine Aufgaben inzwischen fertiggestellt und es in seinem Lernzeitplaner entsprechend notiert. Englisch hat er bereits gestern gemacht. Also alles erledigt? Von wegen: „Du könntest ein paar Arbeitsblätter in Mathe machen“, schlägt die Lehrerin vor. Der 12-Jährige überlegt kurz, schüttelt den Kopf und holt seine Fördermappe Deutsch heraus. Der Hefter enthält Grammatikaufgaben, die genau auf sein Lernniveau zugeschnitten sind. Es gibt zwar extra einen Kurs dafür, aber warum nicht schon mal weiterüben? Beim Erkennen von Subjekten hat der Junge noch etwas Nachholbedarf.

Lernzeit bedeutet eigenverantwortliches Arbeiten


Seit dem Schuljahr 2015/2016 gibt es an der integrierten Gesamtschule keine klassischen Hausaufgaben mehr. Dafür haben die Schülerinnen und Schüler jetzt pro Tag eine Schulstunde Lernzeit, um die im Unterricht aufgegebenen Aufgaben zu erledigen. Und sich auch Zusatzaufgaben zu widmen. Zwar können sie ihre Aufgaben weiterhin zu Hause machen, doch bei den meisten ist die Motivation groß, alles in der Lernzeit zu erledigen. Dabei lernen sie nebenbei, sich besser zu organisieren. „Am Anfang haben die Schüler zuerst die Aufgaben erledigt, die ihnen am meisten Spaß machten. Doch inzwischen überlegen sie: Was ist am wichtigsten? Was brauche ich morgen, was benötige ich vielleicht schon heute? Manchmal brauchen sie einen Anschubser, aber insgesamt klappt es schon ganz gut“, erklärt Lehrerin Andrea Löschner und verweist auf einen weiteren Vorteil der Lernzeit: „Zu Hause läuft nebenher der Fernseher, Musik oder sie sind durch soziale Medien abgelenkt. Hier lernen die Kinder, sich auf sich selbst und auf die Aufgabe zu konzentrieren.“

Die Lehrerin ist daher sehr darauf bedacht, dass die ruhige Lernatmosphäre nicht gestört wird. Als zwei Schülerinnen anfangen zu plaudern, geht sie dazwischen. „Seid bitte leise. Wenn ihr Hilfe braucht, kann ich euch helfen“, ermahnt sie die beiden freundlich. „Lernzeit ist bei uns Stillarbeit. Da bin ich ganz streng“, erklärt sie später.

Fokussierung auf sich selbst in Einzelarbeit

Vor viereinhalb Jahren begannen die Lehrerinnen und Lehrer, den Sinn von Hausaufgaben an ihrer Schule zu hinterfragen. Die Schülerinnen und Schüler kamen häufig in den Unterricht, ohne sie erledigt zu haben, und viele Eltern kümmerte es nicht. Hier kam die grundsätzliche Frage der Chancengleichheit auf. Denn wie gerecht sind Hausaufgaben, wenn man keine Kontrolle darüber hat, wer sie macht, wem geholfen wird und wem nicht?

Pädagoginnen und Pädagogen bildeten eine Arbeitsgruppe und schauten sich zwei Jahre lang die Lernzeit-Modelle anderer Schulen an. Sie überlegten, welches Modell am besten zu ihrer Schule passen würde. Am Ende entschieden sie sich entgegen dem allgemeinen Trend, in der Lernzeit Freiarbeit mit Gruppen- und Partnerarbeit einzuführen, für ruhige Einzelarbeit. Auch wenn sie damit teilweise auf Verwunderung seitens hospitierender Kolleginnen und Kollegen und der Schulaufsicht stoßen: Keiner hier zweifelt daran, dass es die richtige Entscheidung war. „Unsere Schüler arbeiten den ganzen Tag in kooperativen Lernformen, wie Partnerarbeit oder Gruppenarbeit. Uns war es wichtig, ihnen eine Stunde am Tag zu geben, in der sie Einzelarbeit trainieren können“, erklärt Vanessa Dietz von der Arbeitsgruppe Lernzeit. Driton Mazrekaj hat die Arbeitsgruppe geleitet und im Januar 2016 die Schulleitung übernommen. Er ist überzeugt, dass die Schülerinnen und Schüler dadurch lernen, sich mehr auf sich selbst und den Lernstoff zu fokussieren: „Jeder Lehrer kennt das Phänomen: Ein Arbeitsblatt wird ausgeteilt, der erste Satz wird vom Schüler nicht sofort  verstanden und schon geht die Suche nach Hilfe bei Mitschülern oder Lehrer los. Es ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass die Bereitschaft sich alleine und selbstständig mit dem Inhalt auseinanderzusetzen deutlich geringer wird. Bis dahin, dass sie gar nicht mehr arbeiten."

Gute Planung und breite Unterstützung des Vorhabens

Gute Argumente sind das eine, den Kolleginnen und Kollegen war jedoch von vornherein klar, dass ein solches Vorhaben auch eine gute Planung, feste Ziele und eine breite Unterstützung seitens der Beteiligten braucht. Seit 2016 nimmt die Schule am Programm „LiGa – Lernen im Ganztag“ teil. Mit Unterstützung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) hat sich die Schule einen festen Zeitplan sowie Meilensteine gesteckt und sich bis jetzt daran gehalten. Was auch daran liegt, dass alle Beteiligten mitmachten. „Wir hatten eine lange Vorlaufzeit, und alle – Lehrer, Eltern und Schüler – in den Entscheidungsprozess eingebunden“, sagt Lehrerin Dietz. „Am Ende hat die ganze Schulkonferenz für die Lernzeit gestimmt.“

Lernzeit heißt mehr Chancengleichheit

500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Ganztagsschule, erzählt der Schulleiter. „Bei den Kindern, die früher ihre Hausaufgaben oft nicht gemacht hatten, sind heute auch die Lernzeitaufgaben manchmal nicht vollständig. Aber sie geben sich Mühe“, sagt Dietz. „Es ist ein Mitschwimmen, Mitziehen. Kinder, die zu Hause nichts gemacht haben, merken: Okay, neben mir machen alle was, dann fange ich auch mal an“, ergänzt Kollegin Katharina Homölle.
Christine Genz, Vorsitzende des Schulelternbeirates, erinnert sich noch gut an das Konfliktthema Hausaufgaben. „Viele Eltern fühlten sich durch Hausaufgaben persönlich ungerecht behandelt. Oft fragten sie untereinander: Haben eure Kinder auch so viel auf?“ Durch den Lernzeitplaner hätten die Eltern mittlerweile einen guten Überblick über die Noten ihrer Kinder, anstehende Klassentermine oder Aufgaben, die sie in der Lernzeit erledigen. „Und es ist auch ein wunderbares Korrespondenzmedium zwischen Schule und Elternhaus.“ Ob Krankschreibungen, Klassenfahrten oder Anmerkungen – das alles kann jetzt im Lernzeitplaner notiert werden. „Früher war das ein wahnsinniger Zettelkram“, erinnert sie sich.

Und was halten die Schülerinnen und Schüler von der Lernzeit? Die Älteren, die sich noch an die Hausaufgaben erinnern, erzählen, dass sie sich jetzt besser konzentrieren können und die Unterstützung der Lehrkräfte schätzen. „Hier kann ich den Lehrer fragen, wenn ich nicht weiterkomme. Zuhause ging das nicht, meine Mutter konnte mir nicht weiterhelfen“, sagt die Zehntklässlerin Nina. Für die Jüngeren ist die Lernzeit ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Einzig Mitschüler, die andere stören, sind für einige ein Problem. „Manchmal ist es bei uns in der Klasse ziemlich laut, weil es zwei gibt, die nicht mitmachen“, berichtet der 11-jährige Marc.

Vereinheitlichung der Lernzeit in Teamarbeit

Demnächst soll es unter den Eltern und der Schülerschaft eine Umfrage zu der Lernzeit geben. Eine Evaluation unter den Lehrkräften wurde bereits durchgeführt. Demnach steht nach wie vor die gesamte Lehrerschaft hinter dem Projekt. Lediglich bei der Umsetzung gibt es kleine Diskrepanzen, denn nicht alle Lehrkräfte legen die Regeln der Lernzeit einheitlich aus – beispielsweise die Einhaltung der Ruhe. Für den Schulleiter ist das jedoch kein Grund zur Sorge: „Jetzt muss nur noch an den kleinen Rädchen gedreht werden. Die Kollegen brauchen noch etwas Handwerkszeug, das ihnen hilft mit bestimmten Situationen umzugehen“, sagt er. Durch die Arbeit in Teams und den kollegialen Austausch sei man auf einem guten Weg, die Lernzeit qualitativ zu verbessern und zu vereinheitlichen.

An eigener Schulvision festhalten

Der Schulleiter denkt ohnehin schon weiter. Irgendwann, so seine Vision der Schule, werde man das starre Klassensystem auflösen, jahrgangsübergreifende Leistungsteams bilden und damit den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler noch gerechter werden. Kürzlich stellte sich bei einem LiGa-Treffen eine Schule aus NRW vor, die mit ihrer Lernzeit bereits einen Schritt weitergegangen ist. „Die Schülerinnen und Schüler hatten einmal die Woche ein bestimmtes Fach und haben sich anschließend eine Woche lang in Lernbüros ganz individuell ihren Aufgaben in Mathe, Deutsch oder Englisch gewidmet“, erzählt er. „Das schätze ich an LiGa: Man lernt verschiedene Konzepte kennen. Sie helfen uns daran zu glauben, dass die eigene Vision auch erreichbar ist.“
Auch der eigene Erfolg der Schule ist Grund genug, um an der Zukunftsvision festzuhalten. „Wir haben bei der Evaluation festgestellt, dass die Inhalte bei den Schülerinnen und Schülern jetzt besser abrufbar sind“, sagt Mazrekaj und macht es an einem Beispiel fest: „Unser Bio- und Chemielehrer hat früher geklagt, dass seine Schüler eine Gleichung aus dem Matheunterricht nicht auf seine Fächer anwenden konnten. Jetzt hat er berichtet, das Wissen sei da. Das ist ein Signal für uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Von Katharina Zabrzynski